Er war ein Kulturbursche

 

küsste niemals Frösche wach

 

leckte am Morgen nicht

den Tau von den Rosen als

Beweis seiner Liebe zur Natur

 

beherbergte er weder Giftschlangen

noch Skorpione in seinem Bett

 

lag eine Puppe aus Silikon

 

 

*  

Man kann, wenn man will. Sogar im Bett. Man

muss nur wollen, wenn man kann.

 

*

Ruhestand = vorgezogener Tod

*

 

 

Karin

 

Der kühle Ostwind trieb bereits Ende Oktober

riesige Schneemassen in unser Tal, viel zu früh,

und schon tauten sie wieder ab.

Im Stadtwald war ein Geräusch, als

wenn tausende Wasserhähne tropften.

Vereinzelt lagen Schneeplacken herum wie

eine versprengte Schafherde. Und mit

der aufkommenden Dämmerung schlichen

graue Dunstschwaden umher.

 

Etwas Luftbewegung kam auf,

vertrieb den Nebel. An den Ästen der Bäume

klammerten sich noch einige Blätter,

in den Wipfeln säuselte ein leichter Wind,

und für einen Moment war mir, als hörte

ich eine weibliche Stimme meinen Namen rufen:

„Enno, Enno – gogo!“ Wanderer hatten immer wieder

von einer umhergeisternden Karin berichtet.

 

Hinter einem verwaisten Hausbrunnen schlenderte

ich über eine Wiese, die abschüssig an einem

Bachlauf endete. Inzwischen verzauberte der Halbmond

mit seinem gedimmten Licht die Landschaft.

Bauchhoch versank die Flur in silbernen

Nebelschleiern. Wie durch ein Getreidefeld watete

ich darin herum, blickte staunend über die

dunstende Fläche weit hinauf in einen

gigantischen Sternenhimmel, tauchte ein in die

Unbegreiflichkeit dieses endlosen Raumes.

 

In der Feuchtwiese am Waldrand war es still.

Zarte Nebelgespinste krochen den Boden entlang,

und etwas später hinter einer Anhöhe tauchten in

der Ferne verschwommen die Lichter von

einem Bauernhof auf. Ruhig und verschlafen lag er da,

wohlig an den Süllberg hingeschmiegt.

 

Auf der Bank dort saß Karin, eine engelsgleiche Gestalt.

Nach einer Weile stakste sie davon,

zog das rechte Bein etwas nach. Über einen

verwilderten Pfad quälte sie sich hinauf ins Gebirge.

 

Mein Atem ging schwer und Greif, mein Hund,

ein Kromfohrländer, stellte urplötzlich einem Hasen

nach, hetzte einen Moment hinter ihm her, vorbei

an einer jämmerlichen Esche, ließ aber genauso

schnell wieder ab von seiner Jagd.

 

Aus Greifs hechelnder Schnauze stoben wie aus

einer Dampfpfeife winzige Wolken hervor. Durchs

dichte Unterholz von der Anhöhe her brannten  

sich Karins Augen wie zwei glühende Kohlen in

die Nacht, und über uns plötzlich die klagenden

Schreie verspäteter Wildgänse, die rasch am

Halbmond vorbeiflogen, unwirklich,

aneinandergebundene Papierdrachen, die

magisch davongezogen wurden.

 

Wie Geisterfiguren nun die dumpfen Silhouetten

der Zaunpfähle, die verschleierten Weidenstümpfe

und bizarren Baumskelette am Bach.

Begann es jetzt zu spuken? Ein verdorrter Ast

erschien mir plötzlich wie der drohende Arm eines Elfen.

Unheimliche Stille. Durch meinen Körper schauderte

der Ruf eines Kauzes aus einem nahen Buchenhain.

Das lichte Wäldchen hatte sich nun in eine

schwarze Festung verwandelt. Und ins Gestrüpp davor

sah ich gerade noch einen Fuchs davon schnüren.

 

Greif drängte nach Hause. Unser einsames Gehöft am

Rande des Tales erschien vom weitem wie

ein riesiger Scherenschnitt. Eine Schleiereule schwebte

dicht über uns hinweg, wir schreckten auf, denn ihr leichter

Luftzug und ihr Schatten überraschten uns wie ein

Schlag aus dem Nichts; sie glitt weiter um den Giebel

des Hauses und es hörte sich an, als würde sie

meinen Namen rufen: „Enno, Enno – gogo!“

 

Fröstelnd öffnete ich die Eichentür zu meiner Diele;

eine heimelige Wärme strömte uns entgegen.

Am Kamin saß Karin, der schmale Körper verschluckt

von einem zu groß geratenen, alten Mantel, aus dem

dies bleiche zierliche Gesicht hervorlugte, von

seidigen blonden Haaren umfangen.

Ich verspürte einen unfehlbaren Instinkt in mir,

und wusste sofort, es wäre sinnlos sich zu wehren.

 

Mit einem Kartoffelschäler trennte sie mir ein Auge raus,

zerhackte blind vor Wut meine Beine, sowie man es vor Jahren

mit ihrer Tochter getan hatte, nachdem sie vergewaltigt

worden war. Man konnte nie den Täter ermitteln.

Karin hatte damals mit ihrem Leben Schluss gemacht.

 

Von Draußen der Ruf eines Kauzes und

hier in der Stube Greifs Winseln. Nun beende ich

meine Aufzeichnung, lege den Stift beiseite und

mich zum Sterben, wie alle Wanderer, die Karin

früher oder später begegnen und von ihr hingemetzelt

würden oder doch nur Opfer einer grundlosen Angst sind,

wie das Rotkäppchen, das in Wirklichkeit nicht vom

Wolf (die mögen keine Menschen) verschlungen worden

war, sondern von ihrer Furcht vor jenem.

 

 


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