Ich stehe hinter mir, mein Schatten links unten im Bild. Schaut zu meiner Ortschaft.

 

Ehrenamtlich

 

Wegen Corona mussten die Schüler in kleineren Gruppen unterrichtet werden und man hatte den pensionierten Lehrer ehrenamtlich einberufen zur Aushilfe. Just an seinem ersten Unterrichtstag hatte sich eine bekannte Klimaaktivistin angemeldet, um das Thema Umwelt im Unterricht zu verfolgen.

„Hm“, raunte der alte Lehrer und kratzte sich nachdenklich am Kopf. `Wie sollte er beginnen?' „So lasst uns doch das Liedchen singen, welches bereits zu meiner Jugendzeit gesungen wurde und aktuell noch gilt. Wie hieß es denn noch gleich?! :

Wer will fleißige Holzfäller sehen, der muss in den Dschungel gehen.

 

 

 

Trautes Heim

 

Ich möchte bei dir wohnen,

barrierefrei,

lebe derzeit 1000 Meilen entfernt.

Die Freundin deiner Ex erzählte ihrem

ehemaligen Kumpel, und dieser mir nun aber,

du ließest ständig deine benutzten Socken

herumhängen überm Sektkühler, die

Unterhosen lägen achtlos in den Ecken.

 

So muss ich mir wohl `ne eigene

Unterkunft suchen, unweit von dir, in

derselben Stadt

gibt es aber nur wenige Angebote,

barrierefrei,

unter der Einflugschneise zum Flughafen,

gut geeignet für Taube.

Im Problemviertel der Arbeitslosen ist

noch was frei,

barrierefrei, ebenfalls

durchaus geeignet für berufstätige Gehörlose, die

nachts schlafen wollen, und blind sind, um das

dortige Elend nicht sehen zu müssen.

 

So muss ich wohl vorerst bleiben in meiner Stadt,

1000 Meilen von dir entfernt, auch

 

wenn ich vor Sehnsucht versterbe.

 

 

 

Weltenbummel

 

Die Stimme des Marktschreiers versagt. Es ist heiß, die Luft trocken und staubig. Er greift nach seiner Wasserflasche und nimmt einen kräftigen Schluck daraus. Ich höre ein Baby schreien. Die unerträgliche Hitze setzt uns allen zu. Für einen Moment sage ich mir, wie kann man nur ein Kind in diese Welt setzen, wo der Klimawandel in Zukunft das Leben fortwährend unerträglicher werden lässt. Dann denke ich daran, dass Menschen sogar in Kriegen Kinder gebaren von Hoffnung getragen in eine Zeit des Friedens und Wiederaufbaus. Ich wünschte mir, die unbändige Sonnenenergie irgendwann umleiten zu können in Kühlaggregate, die über die ganze Erde verteilt, ein angenehmes Klima herstellen. Im Moment wohl undenkbar, aber wer weiß. Oder vielleicht liegen ja im Geheimen der noch unerforschten Dunklen Materie Kräfte brach, die sich nutzen ließen.

 

Das Baby hat sich inzwischen beruhigt, der Marktschreier seine Stimme wiedererlangt. Ich kaufe ein paar seiner feilgebotenen Früchte und schlendere durch die schattigen Gassen unserer Kleinstadt nach Hause. Etwas später mache ich meinen obligatorischen Sparziergang durch Feld und Wiese in den angrenzenden Wald. Das Stimmengewirr vom Marktplatz klingt noch etwas nach in meinen Ohren, ebbt in der geräuscharmen Stille aber schnell ab. Das Zwitschern der Vögel und die Laute im Unterholz des Mischwaldes haben eher beruhigende Wirkung auf mich.

 

 

Unterwegs kommt mir ein Herr entgegen. Wir begegnen uns des Öfteren, kennen unsere Namen aber nicht. Wir wechseln jedes Mal ein paar Worte untereinander, und ja, über den Klimawandel auch, angesichts der Hitze am heutigen Tage. Dann noch über die Kriege auf der Welt und dass alles immer schlechter würde. Ich gab zu überlegen, ob es wirklich so übel um uns bestellt sei. Denn wir genießen gerade unsere Rundgänge. Wir schöpfen daraus Lebensfreude. Und alle anderen Leute würden sich sicherlich ebenfalls ihre glücklichen Augenblicke schaffen, auch wenn sie etwa im Arbeitsleben ungerecht entlohnt würden. Das ließe sich ändern, irgendwann. Jetzt, trotzend nach sauren Tagen, feierten sie ausgelassen. Wir beiden Herren nicken uns noch kurz zu. Er trottet weiter in Richtung der Siedlungen, ich vertiefe mich in die Natur. 

 

 

 

 

 

 

Die Blumenwiese

 

und der Wald sind meine Kirche;

ein göttliches Flüstern in allen Zweigen,

und als sängen die Vögelchen mir Chorale.

 

Will ich Gott danken für all diese Gaben,

fiele es mir leichter, den personifizierten

Gottvater der Kirchengemeinde anzurufen, als

meinen Konturlosen, an den ich glaube.

Nicht dass er konturlos wäre, aber mich

mit meinem Menschenverstand und

meiner Vorstellung übersteigt.

Ich spüre lediglich etwas Unsagbares,

Spirituelles von ihm in allen Wipfeln.

Lange Zeit hat es mich bedrückt,

kam mir so hilflos und verloren vor.

Die Welt erschien fremd mir und ihr Dahinter.

Inzwischen freut es mich, soweit vom Göttlichen

und dessen Wahrheit entfernt zu sein,

unerreichbar in meiner Vorstellung. Und

wenn ich sterbe, so gehe ich in eine göttliche

geheimnisvolle Welt über.

Das lässt hoffen.

 

 

 

Meine persönliche Ansicht ist die, dass der Urknall, aus dem ursächlich unsere endliche Welt entstand, in einem allumfassenden unendlichen Universum sich ereignete. Sie kommt also nicht aus dem Nichts. Stelle ich als endliches Wesen mir aber die Frage, ob und wann das unendliche Universum entstanden ist, so muss ich antworten, es war immer schon da, unendlich. Das endliche Wesen in mir kann es sich aber nicht vorstellen, und meint fälschlicherweise, es müsse doch auch einen Anfang haben bzw. irgendwann erschaffen worden sein. Nur ehrlich gesagt, was bringt mir diese Erkenntnis, außer einer abstrakten Entfremdungstheorie.

 

 

 

Das Leben bietet dir viele Wege;

Auswege und Geheimgänge,

immer stehen ein paar Türen offen,

deine Gedankengänge bleiben frei.

 

Du musst dich entscheiden,

betrittst du ein Bernsteinzimmer,

wirf den Schlüssel nicht ins Klo.

Vielleicht willst du irgendwann

heraus aus dem goldenen Käfig.

 

Halte die Türen offen.

 

 

 Hältst du dich auch für fehlerfrei, sprich es nicht aus, es könnte ein Fehler sein.

 

*  

Man kann, wenn man will. Sogar im Bett. Man

muss nur wollen, wenn man kann.

 

* 

 

Sing, Magenader, sing

 

von Windschatten

aus Physis und Geist,

von erloschenen Gestirnen

am Knallerbsenstrauch.

 

Aus fugentoten Winkeln

der Wahrnehmung lass

sie leuchten im Finstern.

 

In den Kugeln der Wahrsager

zeigen sie sich wie

in mystischen Eulenaugen.

 

Liegen in der Luft wie

das Zischeln der Vipern

über dem Moor, an der

Schwelle zum Unbewussten,

hinter der Demarkationslinie.

 

Gegen Angst domauf, aus

durchlässiger Rinde, lass

die Unsäglichen hervortreten.

 

Auf der Suche nach

einem höheren Sinn

begleiten sie uns, zärtelnde

Hirngespinste, entlang

am Saum unserer Gräber.

 

 

Die des Lebens Überdrüssigen

 

kratzten sich an ihren Köpfen, schon jahrelang, von Minute zu Minute, machten es sich nicht leicht, gruben die Nägel tief in die Haut. Sie grübelten, worüber sie gedacht. Die Oberflächen auf ihren Köpfen waren Kraterlandschaften, wie auf dem Mond, nur mit blutiger Kruste. Auch ihr Ersonnenes verkrustete und ihr Haupthaar wich der Verkrustung. Sie dachten, und sie kratzten; oft kratzten sie mehr, als gedacht.

 

Seit zwanzig Jahren schon, kurz nach Mitternacht, sagte sie:

“Wieder ein Tag weniger im Leben.”

Er antwortete jedes Mal:

“Ein Tag mehr.”

Schweigend gab sie ihm dann immer einen Kuss auf die Stirn und trottete ins Schlafgemach. Er folgte eine halbe Stunde später. Da schlief sie bereits.

 

Er hatte Suizidgedanken. Nachts trug er zuweilen fantastische Krawatten, gefertigt aus selbsterlegter Klapperschlange, die Rassel dazu verdeckt im Saum. Seine Schuhe waren krokodilledern, das Jagdmesser mit Griff vom Elfenbein aus reinen Gedanken. Sie waren lichtscheu wie blutrünstige Vampire.

 

Eines Morgens am Frühstückstisch blätterte sie gelangweilt wie immer in der Tageszeitung. Er schlürfte seinen Rheumatee. Plötzlich fing sie an etwas höhnisch zu lachen, sah von der Zeitung auf in Richtung ihres Gatten und sagte:

„Guck an, eine neue Sex-Studie. Demnach haben die Deutschen vier bis sechsmal die Woche

Geschlechtsverkehr. Und wir? Garni…“

Er fiel ihr ins Wort:

„Daran kannste mal wieder erkennen, dass diese Studien nichts taugen.“

Gleichzeitig verabscheute er es, wie sie sich in letzter Zeit gegenseitig hirnlos in ihre Köpfe schossen.

 

Am Nachmittag zeigte sich die alte Linde vor ihrem Fenster angeschlagen – mehr ein Baum wie ein Mann als ein Mann wie ein Baum, warf sie ihnen beim Lüften ein letztes Blatt auf den Küchentisch wie ein Boxer das Handtuch. Abends haben sie die Gebrochene hereingeholt an ihren Kamin.

 

Nachdem der Alte einige Stunden ins Feuer geschaut und einige Flaschen Wein geleert hatte durchbrach er plötzlich die knisternde Stille im Raum und sprach so laut, dass seine schläfrig im Sessel sitzende Frau aufschreckte. Er sagte:

„Ich will nicht, dass du mich feuerbestatten lässt und alle zum Leichenschmaus berufenen leibeigenen Mikroben um ihr Erbe gebracht werden.“

 

Sie drehte ihren Kopf weg und döste weiter. Seine Asche war längst besiegelt. Sie wollte sich einen Diamanten draus fertigen lassen.

 

Ist doch klar

 

Wer sich in steile Gebiete

der Philosophie wagt, sollte

herunter kommen von seinem

hohen Ross. Ein Esel böte da

einen sicheren Tritt.

Und es gilt: Lieber einen Fisch an

der Angel, als keinen in der Reuse.

 

Im Übrigen obliegt es allein

den Feldversuchungen

beim Wiedereintritt entlang

der Spannungslinien zwischen

den wogenden Hitzewallungen

unserer cerebralen Funktion, deren

Stärkefeld statistisch gesehen

im Mittel zwischen den

punktuellen Wellenbewegungen

der beim Ausgang der Beobachtungen

innerhalb der oszillierenden

magnetischen Frequenz an der

Erdoberfläche und außerhalb

von Bodenerhebungen liegt, wie sich

aus adäquaten Probestichen ergab, und

nur dann, wenn wir uns parallel

im Quadrat der Zeitachse mit den

Magellanschen Wolken befinden, und

nicht im Hasenpanier mit uns selbst.

 

Ist doch klar.

 


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