Über mir

lag dunkler November

als du mir dein
Senkblei zuwarfst
meine Seele auszuloten

und die Tannenmeise
aus dem Gebüsch
vor uns keck in
mein Bewusstsein
gesprungen war

klangen sie wieder
fröhlich auf
die alten Kinderlieder

 

 

O Mensch


du bist nicht geboren
unter einer Herde
von Schafen
um friedlich zu grasen

bist ein Jäger
unter Jägern
wirst selber zum Gejagten
die Ruhe liegt dir nicht
wie dem Wolf

bist ein Getriebener unterwegs
auf dem Weg zu den Schafen

ein Schlachter bist du
und für den lieben Gott
gibt‘s ein Opferlamm

 

 

 

 

 

 

Der Mensch ist in der Lage, wenn es ihm juckt, NICHT zu kratzen. Das hebt ihn heraus

aus den anderen Säugern und ist ein Teil seiner Kultur. Es gelingt nicht immer. Die

Dunkelrate des Arschkratzens liegt in der Verdunkelung.

 

 

 

KI

„Hilfe, Hilfe, …“ Oh Mann, was hatte Opa geschrien.
Für die herbeigerufenen Ingenieure vom Haushaltshilfesystem „Fräulein Martha“ war
es ein Beweis für dessen Eigenständigkeit. Sie fühlten sich nicht verantwortlich für Marthas Tat.

Kurz darauf holte Opa die aus dem Zweiten Weltkrieg stammende Panzerfaust aus ihrem
Versteck hervor, und die Nachbarn riefen die Polizei, als Martha kopflos im Vorgarten herum irrte.

Opa rechtfertigte sich für seine Selbstjustiz, weil Marthas Entwickler ihm mitgeteilt hatten:

„Sie müssen sich nicht bei uns beschweren, ebenso wenig wie sie sich beim lieben Gott, also
dem Schöpfer einer Bediensteten aus Fleisch und Blut beschwert hätten, wäre Ihnen von
jener an den Sack gegriffen worden.“

 

 

 

Zu scharf gestellt

 

sehe ich die Milbenmonster

auf den Bettbezügen wie sie

deine Schönheit bedecken

 

lese deine Gedanken

 

lupenrein drängen

sie sich mir auf

 

in den Gesichtszügen

zwischen den Zeilen

 

liegen deine

Charakterzüge blank

 

und ich verfluche den

Optimierungs-Sensor

in meinem Gehirn

 

 

Spaziergang im Lenz

 

Osterglocken am Straßenrand, in prächtigem Gelbton, läuten den Frühling ein. Auf der Schafswiese am Ortsausgang erste Lämmer. Der Baum der Freiheit ist beschnitten. Wieder einige Zweige weg - politischer Sensemann. Herrn Hansen von nebenan wurde zur gleichen Zeit ein Bein abgenommen. Die Nichtraucher redeten von  einem Raucherbein, die anderen hatten Zweifel. Mein Handy klingelt im Todesglockenton. Das Frühchen meiner Nichte hat nicht überlebt. Ich komme am Schlachterladen vorbei. Kein Appetit auf Osterlamm.

 

 

 

Ein extremes Wunderkind

 

Mama: „Junge, du bist ein Phänomen.“

 

Das erste Mal war sie sprachlos gewesen, als Poschl vom Wickeltisch in die Biotonne gestürzt war, und er urplötzlich Kauderwelsch sprechen konnte. Zuvor hatte er keine zusammenhängenden Silben herausgebracht. Nun plötzlich waren es ganze Wörter. Weil keiner genau sagen konnte, welche Sprache es denn sei, nannten sie es Kauderwelsch.

 

Ein paar Jahre danach. Poschl stand kurz vor der Feier seines siebten Geburtstages und war aufgeregt, weil diesmal der Sohn eines arabischen Scheichs zu Besuch kommen sollte. Mama hatte ihn eingeladen. Poschl fuhr mit seinem neuen Fahrrad, einem Geschenk von Tante Adele, die schon in der Frühe angereist war, gegen den nächsten Laternenpfahl, und konnte augenblicklich fließend Arabisch sprechen. Mama war vor lauter Freude minutenlang stumm geblieben, mit Tränen der Rührung in den Augen. Eigentlich hatte er sich nur ein paar Brocken Arabisch angeeignet gehabt, aus einem Fremdsprachenlexikon, um den Scheichjungen zu überraschen.

 

Später konnte er prompt fließend Tschechisch, obwohl er lediglich einige Sprachfetzen von fluchenden tschechischen Panzergrenadieren aufgeschnappt und sie nachgeäfft hatte, als er neugierig einen ihrer Panzer inspizierte und ihm die Einstiegsluke auf den Schädel gefallen war.

 

Dann kam er in die Pubertät, eine schwierige Phase für einen schüchternen Jungen wie ihn. Bis zu seinem dreiundzwanzigsten Lebensjahr hatte Poschl kein Mädchen heimgeführt, ja, nicht einmal angesprochen. Ihm fehlten die richtigen Worte. Zu seinem vierundzwanzigsten Namenstag hatte Mutti eine Überraschung für ihn. In seinem Zimmer sollte sie liegen. Er war aufgeregt. In seinem Bett lag ein unbekanntes Fräulein, splitterfasernackt. Er bekam einen Schock, musste ins Krankenhaus, war stumm geworden. Nur Mama plapperte in einer Tour.

 

Nach dem überwundenen Schock stellte Poschl aber zu Mamas Glück fest, dass er auf einmal die Worte drauf hatte, um Mädchen imponieren zu können und Mama lud gleichzeitig zwei Girls ein in ihr Heim, die eine aus der mährischen Walachei gebürtig, die andere aus Syrien.

 

Den beiden fremdsprechenden Damen gegenüber war Poschl sprachlos geblieben. Der erlittene Schock hatte ihn der tschechischen wie auch der arabischen Sprache beraubt. Darüber war er so erschrocken, dass er auch noch seine Muttersprache verlor. Er verstand einzig nur noch Kauderwelsch. Papa klagte: „Jetzt haben wir ein verblödetes Genie in der Familie.“

 

Als Poschl ungeachtet dessen sein Kauderwelsch ins Internet reinstellte und viel Beifall erhielt, fand Mama es wiederum phänomenal, was er an ihrem erhobenen Daumen erkannte, ihrer extra für ihn erlernten Zeichensprache. Im Netz verständigten sie sich ebenfalls damit. Waren wohl auch behindert, dachte er so bei sich. Allerdings war sein Kauderwelsch in Wirklichkeit eine ganz normale Sprache eines total durchschnittlichen Jungen gewesen. Aber daran mochte Mama nicht denken.