Mit ihm kam die Sonne

 

in die schattige Einkaufszone

sommers überstrahlte er

die matten Gesichter

der Passanten mit seinem

unermesslichen Lächeln

 

unangemessen meinten einige

Es gab keinen vernünftigen Grund

derart glücklich zu sein

zu arglos wäre so einer

brächte es fertig übers Wasser

laufen zu wollen und würde

selbst beim Absaufen noch lächeln

 

Man sperrte ihn weg

in Sicherheitsverwahrung

drei glanzlose Sommer

erlebte die Einkaufszone

 

Dann sah ich ihn wieder

an seinem alten Platz hocken

 

hatte ihn fast übersehen

im Heer der Passanten mit

 

seiner glanzlosen Miene

 

 

***

 

Über mir

lag dunkler November

als du mir dein
Senkblei zuwarfst
meine Seele auszuloten

und die Tannenmeise
aus dem Gebüsch
vor uns keck in
mein Bewusstsein
gesprungen war

klangen sie wieder
fröhlich auf
die alten Kinderlieder

 

 

O Mensch


du bist nicht geboren
unter einer Herde
von Schafen
um friedlich zu grasen

bist ein Jäger
unter Jägern
wirst selber zum Gejagten
die Ruhe liegt dir nicht
wie dem Wolf

bist ein Getriebener unterwegs
auf dem Weg zu den Schafen

ein Schlachter bist du
und für den lieben Gott
gibt‘s ein Opferlamm

  

 

 

Der Mensch ist in der Lage, wenn es ihm juckt, NICHT zu kratzen. Das hebt ihn heraus

aus den anderen Säugern und ist ein Teil seiner Kultur. Es gelingt nicht immer. Die

Dunkelrate des Arschkratzens liegt in der Verdunkelung.

 

 

 

KI

„Hilfe, Hilfe, …“ Oh Mann, was hatte Opa geschrien.
Für die herbeigerufenen Ingenieure vom Haushaltshilfesystem „Fräulein Martha“ war
es ein Beweis für dessen Eigenständigkeit. Sie fühlten sich nicht verantwortlich für Marthas Tat.

Kurz darauf holte Opa die aus dem Zweiten Weltkrieg stammende Panzerfaust aus ihrem
Versteck hervor, und die Nachbarn riefen die Polizei, als Martha kopflos im Vorgarten herum irrte.

Opa rechtfertigte sich für seine Selbstjustiz, weil Marthas Entwickler ihm mitgeteilt hatten:

„Sie müssen sich nicht bei uns beschweren, ebenso wenig wie sie sich beim lieben Gott, also
dem Schöpfer einer Bediensteten aus Fleisch und Blut beschwert hätten, wäre Ihnen von
jener an den Sack gegriffen worden.“

 

 

 

Zu scharf gestellt

 

sehe ich die Milbenmonster

auf den Bettbezügen wie sie

deine Schönheit bedecken

 

lese deine Gedanken

 

lupenrein drängen

sie sich mir auf

 

in den Gesichtszügen

zwischen den Zeilen

 

liegen deine

Charakterzüge blank

 

und ich verfluche den

Optimierungs-Sensor

in meinem Gehirn

 

 

 

Spaziergang im Lenz

 

Osterglocken am Straßenrand, in prächtigem Gelbton, läuten den Frühling ein. Auf der Schafswiese am Ortsausgang erste Lämmer. Der Baum der Freiheit ist beschnitten. Wieder einige Zweige weg - politischer Sensemann. Herrn Hansen von nebenan wurde zur gleichen Zeit ein Bein abgenommen. Die Nichtraucher redeten von  einem Raucherbein, die anderen hatten Zweifel. Mein Handy klingelt im Todesglockenton. Das Frühchen meiner Nichte hat nicht überlebt. Ich komme am Schlachterladen vorbei. Kein Appetit auf Osterlamm.

 

 

 

Ein extremes Wunderkind

 

Mama: „Junge, du bist ein Phänomen.“

 

Das erste Mal war sie sprachlos gewesen, als Poschl vom Wickeltisch in die Biotonne gestürzt war, und er urplötzlich Kauderwelsch sprechen konnte. Zuvor hatte er keine zusammenhängenden Silben herausgebracht. Nun plötzlich waren es ganze Wörter. Weil keiner genau sagen konnte, welche Sprache es denn sei, nannten sie es Kauderwelsch.

 

Ein paar Jahre danach. Poschl stand kurz vor der Feier seines siebten Geburtstages und war aufgeregt, weil diesmal der Sohn eines arabischen Scheichs zu Besuch kommen sollte. Mama hatte ihn eingeladen. Poschl fuhr mit seinem neuen Fahrrad, einem Geschenk von Tante Adele, die schon in der Frühe angereist war, gegen den nächsten Laternenpfahl, und konnte augenblicklich fließend Arabisch sprechen. Mama war vor lauter Freude minutenlang stumm geblieben, mit Tränen der Rührung in den Augen. Eigentlich hatte er sich nur ein paar Brocken Arabisch angeeignet gehabt, aus einem Fremdsprachenlexikon, um den Scheichjungen zu überraschen.

 

Später konnte er prompt fließend Tschechisch, obwohl er lediglich einige Sprachfetzen von fluchenden tschechischen Panzergrenadieren aufgeschnappt und sie nachgeäfft hatte, als er neugierig einen ihrer Panzer inspizierte und ihm die Einstiegsluke auf den Schädel gefallen war.

 

Dann kam er in die Pubertät, eine schwierige Phase für einen schüchternen Jungen wie ihn. Bis zu seinem dreiundzwanzigsten Lebensjahr hatte Poschl kein Mädchen heimgeführt, ja, nicht einmal angesprochen. Ihm fehlten die richtigen Worte. Zu seinem vierundzwanzigsten Namenstag hatte Mutti eine Überraschung für ihn. In seinem Zimmer sollte sie liegen. Er war aufgeregt. In seinem Bett lag ein unbekanntes Fräulein, splitterfasernackt. Er bekam einen Schock, musste ins Krankenhaus, war stumm geworden. Nur Mama plapperte in einer Tour.

 

Nach dem überwundenen Schock stellte Poschl aber zu Mamas Glück fest, dass er auf einmal die Worte drauf hatte, um Mädchen imponieren zu können und Mama lud gleichzeitig zwei Girls ein in ihr Heim, die eine aus der mährischen Walachei gebürtig, die andere aus Syrien.

 

Den beiden fremdsprechenden Damen gegenüber war Poschl sprachlos geblieben. Der erlittene Schock hatte ihn der tschechischen wie auch der arabischen Sprache beraubt. Darüber war er so erschrocken, dass er auch noch seine Muttersprache verlor. Er verstand einzig nur noch Kauderwelsch. Papa klagte: „Jetzt haben wir ein verblödetes Genie in der Familie.“

 

Als Poschl ungeachtet dessen sein Kauderwelsch ins Internet reinstellte und viel Beifall erhielt, fand Mama es wiederum phänomenal, was er an ihrem erhobenen Daumen erkannte, ihrer extra für ihn erlernten Zeichensprache. Im Netz verständigten sie sich ebenfalls damit. Waren wohl auch behindert, dachte er so bei sich. Allerdings war sein Kauderwelsch in Wirklichkeit eine ganz normale Sprache eines total durchschnittlichen Jungen gewesen. Aber daran mochte Mama nicht denken.

 

 

 

Der gealterte Frühling

 

schlurft über den flirrenden Asphalt

seine Schicksalshölzchen sind gefallen

Füßchen so schwer im Fundament

 

Er hält inne

ein leichtes Wehen aus

fernen Gärten herüber

ein Duft von Flieder

 

Der Blick des Alten streift

die leere Werbetafel

von Schmetterlingen überzeichnet

mögliche Reklame in

zarte Poesie

 

entfacht nochmal Gedanken an

erste Liebe an süße Verlockungen

an die Träume seiner Jugend

 

wie Killerbienen schwirren

die Erinnerungen

ihm durchs Gehirn ohne das

ihre Stachel ihn injizieren

mit etwas von Bedeutung

 

Dann ein frisches Wehen

und alles ist verflogen

 mit dem Duft von Flieder

 

 

 

DU DU DU

 

 

geile Ziege
hast den Permafrost in mir
zum Schmelzen gebracht
und es zerreißt mich

 

 

 

 

Gefährliches Getratsche

 

 

 

 Bierkchen klagte:

„Meine Miranda ist seit längerem wie ein Dachziegel auf den Kopf zu mir.“

„Das kann gar nicht sein“, entgegnete sein Kumpel Max.

„Wieso?“

„Weil, ein Ziegel auf den Kopf blutige Spuren hinterlässt.“

„Ist ja auch nur im übertragenen Sinn gemeint.“

 

Einen Tag später traf Max Miranda zufällig beim Einkaufen.

„Was ist los bei euch? Ihr ward doch einst so ein kompatibles Paar.“

„Bierckchen erzählt in letzter Zeit viel dummes Zeugs. Ich glaube,

er hat `nen Dachschaden.“

„Also doch“, murmelte Max vor sich hin und entfernte sich flugs von ihr.

 

Zehn Tage später saßen Max und Bierckchen in ihrer Stammkneipe; Bierckchen mit einer blutigen Kopfverletzung.

„Was ist geschehen, Bierckchen?“

„Miranda war ganz aufgebracht, nachdem du ihr beim Einkaufen erzählt hattest, sie hätte mir einen Dachziegel an den Kopf geworfen.“

„Habe ich gar nicht so gesagt.“

„Miranda hat es aber so verstanden und mir einen wirklichen Ziegel an den Kopf geworfen.“

„Oh das tut mir aber leid, Bierckchen.“

Bierckchen zog den Ziegel aus seiner Manteltasche, warf ihn Max an den Kopf und flüsterte:

„Und mir erst!“

 

 

 

 

Urzeit-Philosophie

 

Er war Klassenprimus, hatte bei jeder Diskussion die schlagenden Argumente, ist später Anwalt geworden, der äußerst schwer zu verteidigende Fälle erfolgreich abschloss. Er hätte auch das Zeugs gehabt zu einem Philosophen, der seine Philosophie mit Bravour überzeugend gegen alle Widersacher verteidigt. Und in der Philosophie geht es ebenso um die Wahrheit wie vor Gericht. Aber er hat möglicherweise Lügen verteidigt mangels Gegenbeweisen und mit seiner geschickten scholastischen Fähigkeit. Den Philosophen könnte es ebenso ergehen. Ich bin sogar überzeugt davon, weil es einfach zu viele Philosophien gibt, aber nur eine Wahrheit. Oder ist dies bereits ein Irrtum meinerseits? Das menschliche Gehirn und seine Vernunft sind im Evolutionsprozess ja nicht entstanden, um später Philosophie zu betreiben. Ketzerische Philosophen meinen ja, als Menschen die Möglichkeit bekamen, darüber zu reflektieren, ob hinter einem Busch Geräusche seien vom Wind, von einem nüsseknackenden Tier oder von einem gefährlichen Löwen, hätten nur jene paranoiden Menschen überlebt, die immer gleich ängstlich auf einen Löwen schlossen. Und von diesen Irren stammen wir ja nun ab und müssen beim Nachdenken genau aufpassen, dass wir nicht die falschen Schlüsse ziehen.

 

 

 

Gedenken an einen Freund

 

 

Ich steh an deinem Grab in Deutschland, nach zwanzig Jahren. Wir hatten damals viele Tage zusammen in New York verbracht. Ich erinnere mich daran, dass du gerne die Regentropfen beobachtet hast an einem der Fensterscheiben deines Appartements, kleine Perlen, die sich ihre eigenen Wege bahnten und mäanderten. Manche schafften es nicht weit. Die Morgensonne verzehrte sie. Du sagtest einmal: „Sie verdampfen wie auch wir eines Tages von unserem geronnenen Aggregatzustand in einen diffusen geistigen übergehen werden.“ Ein paar Tage später hattest du dir das Leben genommen. Ich war damals verzweifelt, war zornig auf dich, weil ich mit dir zum ersten Mal einen Menschen liebgewonnen hatte, ohne dessen Nähe ich mich einsam fühlte. So war ich oft bei dir. Andere Freunde vermittelten mir nur ein Gefühl nicht allein zu sein. Sie konnten dich nicht ersetzen. Du warst wie ein Teil von mir. Wir waren zwar jeder für sich Platzhirsch-Charaktere, verkapselte Egoismen. Aber wir hatten poetische Züge und Empfindungen fürs Künstlerische an uns entdeckt, Neigungen, die uns zuweilen in Einklang stimmten. Du erschienst nach außen stark. Ich wusste, du hattest dich eingeigelt, um deine empfindliche Seite zu schützen, indem du die andere stachelig zeigtest zur Abwehr. Du warst längst vor unserer gemeinsamen Zeit zerbrochen, gescheitert an dir selber, an deine hohen Erwartungen. Dein Glaube an das Gute deiner Mitmenschen konnte dich zu leicht erschüttern. Und ich habe ein schlechtes Gewissen, hatte ich dich zuletzt viel allein gelassen, weil ich mich mit Edna traf. Jedoch glaube ich, deine Gründe zum Freitod lagen viel tiefer, gehen weit zurück in eine unglückliche Kindheit.
Ich trauere um die Zeit mit dir, die wir hätten gemeinsam verbringen können. Du hattest dich immer schon für Poesie interessiert, hattest Gedichte geschrieben. Ich konnte mich nie wirklich dafür erwärmen. Du starbst 1993. Da hatten wir noch kein PC und Internet. Ich denke oft, wie schön es wäre, lebtest du noch. Du hättest viel Lebensfreude schöpfen können mit deinen Gedichten, mit den Möglichkeiten von Präsentation und Auseinandersetzung in dem genannten Medium. Vielleicht hätte es auch mich mitgezogen im Sog deiner Begeisterung. Vielleicht, bestimmt… Vielleicht, bestimmt… erwächst hier aber aus einer Perspektive post mortem, und wäre so, als wenn jemand, nachdem ihm ein Bein amputiert worden wäre, den Wunsch nach Bergwandern hegte, falls er noch zwei gesunde Beine gehabt hätte. Womöglich wäre es ihm dann aber erst garnicht in den Sinn gekommen.

 

 

 

Im Reservat

 

Keine Störung im

Smartphone es war

ein Waldrauschen

Hören und Sehen

war uns vergangen

ein Urlaub im Funkloch

das nervige Gezwitscher

der Vögel

 

Wir bekamen Funkweh

sehnten uns nach

musischen Pfeifkonzerten

auf Youtube

 

Du beklagtest die Waldluft

würde dir stinken

Da habe ich dich von

dem Käse befreit der

deine Naslöcher blockierte

von der Sucht nach

deiner Waldesduft-App

 

Du blicktest voller Zorn

in unser Naturidyll

sahst überall Rot

Ich machte ein Foto

mit meinem Handy

als du es anschautest

war alles um uns wieder

 

im grünen Bereich

 

 

 

 

Sing Magenader sing

 

aus fugentotem Winkel

lass die Unsäglichen

heraustreten aus

ihren Windschatten

von Physis und Geist

aus erloschenen Gestirnen

am Knallerbsenstrauch

lass sie leuchten wie

die Kugeln der Wahrsager

 

in der Dunkelheit

stehen sie geschrieben

in den scharfen Vogelaugen

meiner Trauma-Eule

 

liegen in der Luft wie

das Zischeln der Vipern

über dem Moor an der

Schwelle zum Unbewussten

hinter der Demarkationslinie

die uns schützen soll oder

doch nur sich selbst vor

unseren Plattfüßen

wenn sie stolpern

gegen Angst domauf

aus durchlässiger Rinde

 

auf der Suche nach

einem höheren Sinn

begleiten uns die Unsäglichen

lebenslänglich zärtelnde

Hirngespinste entlang

 

am Saum unserer Gräber