Anekdote

Das steht doch gar nicht da

 
   

 

Mein Avatarbild enthält ein bereinigtes Alphabet mit drei Buchstaben weniger. Im Internet verwendet, hat es noch keinen Anstoß erregt. Der kam prompt, nachdem ich ein Schild mit dem ABC darauf an meine Wohnungstür angebracht hatte.

 

Unser Hochhausblock beherbergte die höchste Multikultidichte in unserer Stadt. Und dies war auch der Grund, warum ich den Avatar verwendete. Ich wollte zeigen, dass ich ein anständiger Deutscher war. Die Türken, Kurden und Syrer grüßten mich auch weiterhin in gewohnter Weise. Nur Frau Busulzke, eine deutsche Hartz-4-Empfängerin und Alleinerziehende von vier Jungen, ging unerwartet wie eine Furie auf mich los. Ihr Jüngster, der sechsjährige Felix, wäre mir drauf gekommen, was ich doch für ein verdorbenes Subjekt sei. Sie behauptete, ich hätte das ABC nur aufgehängt, um zu demonstrieren, dass mir Sex fehle.

 

 

Verrückt

 

                        Ich werde beobachtet, mit

                        bildgebendem Verfahren;

                        die Psychologen haben

                        mein Neuronengewitter

                        auf dem Schirm, sagen,

                        es wäre Auslöser

                        meines Wahnsinns.

 

                        Da untersuche ich

                        die Neurologen,

                        lege ihnen Fotos vor

                        von den prallen Brüsten

                        meiner Nachbarin, und

                        sie sind verrückt danach,

 

                        so wie ich.

 

 

Aphorismus

Nur eine Vorstellung

 

 

Wir befinden uns stets mitten im Weltgeschehen, tun aber gerne so, als hätten wir alles im Blick.

 

 

Hausschlachtung

 

Es war ein Gedicht gewesen,

voller Saft und Kraft,

aus biologischer Aufzucht;

artgerecht gehalten,

von uns aus gesehen.

 

Verstreut in Schüsseln,

besingen wir nun seine Einzelteile,

vom Kopf bis zum Kringelschwanz;

das ungeliebte Schweineherz 

 

blieb für die Katz.

Lyrische Kurzprosa

Ein phantastischer Autor

 

Es war nicht der scharfe Forscherblick durchs Mikroskop oder vom Observatorium aus in die Welt. B. hatte hinter Gleitsichtglas Beobachtungsposten bezogen, schloss meistens aufs Ganze im Fokus seiner Glasscheibe, vor der sich die Leute bewegten in ihrem Trott.

 

Der Eisregen hatte ihn abgekühlt, die Mäntel. Gewöhnlich kam er frühlings, auch sommers, an die Gardine; winters spannte es sich schlecht. Zum Herbst hin bückte sich eine Frau im Minirock nach Kastanien, zeigte ihm ihr Gesäß. Er hielt sich die folgenden Tage bedeckt mit 'nem Blatt vom Gummibaum, sah noch lange danach in seiner Phantasie ihre Locken locken. Verrückt war ihr Schlüpfer. Zutage traten ihre herbstwelken gekräuselten Strähnen. Spätsommers gekämmt, waren es noch flachsblonde Sonnenstrahlen gewesen, widerstrebten sie dem Plastikrahmen, der ihn aus ihrer Sicht umkränzte, haarsträubend, und kurz darauf war er weg vom Fenster.

 

Vor dem winterlichen Saisonkoma trieb es ihn ein letztes Mal heraus aus sich, den Schauplatz seiner Gelüste entlang, sammelte seine Literatenscheiße ein zum Entsorgen, aus Stolz in einem Kulturbeutel.

 

Das verrückte Platanenblatt vor der Scham seiner im Spätherbst stehenden, das zur leichten Beute im Auge des Tornados wurde, in seinem Innerauge, steckte er ebenso in den Sack wie ihren niedergestreckten Astralleib, nacktes Wildbret, inzwischen vom ersten Schnee zugedeckt, von seinem bösen Blick verschleppt, winterstarr im Märchenwald unter einem schmutzigweißen Laken.

 

 

Im Frühjahr würde er sich von dem prachtvollen Kulturbeutel trennen, sich noch ein letztes Mal in dieser Literatenscheiße wälzen wollen, sich purgieren darin wie ein wilder Bär.

 

 

 

Blöder Witz von mir

 

 

Mein fetter Nachbar Max ist ein rücksichtsvoller, einfühlsamer Mensch, wenn es darum geht, eine unangenehme Botschaft zu überbringen. Er steckt sie einen in abmildernden Schritten. In Facebook hatte er Gerda Gans und Hilde Haupt aufgespürt. Mit den beiden hatten Max und ich vor dreißig Jahren wilde Partys gefeiert. Er sagte, Gerda hätte sich vor zwei Jahren scheiden lassen und wieder ihren alten Nachnamen angenommen. Gerda war die, mit der ich es bunt getrieben hatte. „Ja, und sind auch aktuelle Fotos drin“, wollte ich neugierig wissen. „Klar“, entgegnete Max. „Ja, und!?“ „Was, na und?“ „Nun, sieht meine noch immer knackig  aus?“ „Dazu kann ich dir eine schlechtere, aber auch positive Auskunft geben. Welche willst du zuerst?“ „Natürlich die schlechtere.“ „Gut. Gerda ihre Titten hängen bis auf die Schnürsenkel ihrer rosaroten Sneaker.“ „Hm, ja und die gute Nachricht?!“ „Im Sitzen!“