Die folgenden vier Geschichten, Milena …; Katrin; Baltus; Spucke der …,  sind 2017 im Smartstorys Verlag erschienen unter www.smartstorys.at

 

  

Milena kann keinen Kopfstand ?

 

Oh, Milena. Sie kehrt von Zeit zu Zeit zurück in meine Erinnerung, wie sie sich wieder einmal in ihrem Silberlöffel betrachtet, einem Erbstück von ihrer Oma, um ihr Spiegelbild auf den Kopf gestellt zu wissen. Sie zelebrierte es immer, nachdem die anderen Mädchen und Jungen sie gehänselt hatten, weil sie keinen Kopfstand konnte. Für einen Kopfstand braucht man keine Beine, lästerten sie. Milena konnte auch keinen Spielzeuggüterzug hinter sich herziehen, unsere Gasse entlang. Sie war von der Taille abwärts gelähmt. Einen elektrischen Rollstuhl für sie konnten sich ihre Eltern nicht leisten. Ihr Vater hatte sich lauthals darüber empört, weil Milena ihn danach gefragt hatte, nur das eine Mal. Und für einen von Hand zu bewegenden würde ihre Kraft nicht ausreichen, die Steigung der gepflasterten Straße zu überwinden.

 

Milenas Spielzeugwaggons waren einfache räderlose Holzklötze, welche die Form von Briketts hatten. Sie standen vor ihr auf dem Tisch und waren nicht in so albernen Farben bemalt wie die der anderen Kinder. Ihr Zug hatte zehn Anhänger, alle in Weiß, mit aufsteigenden Zahlen darauf, aber nicht einfach nummeriert von eins bis zehn wie die der anderen. Außerdem waren die Zahlen fein säuberlich gezeichnet und falsch herum, weswegen Milena ausgelacht wurde.

 

Für mich schrieb sie die Zahlen richtig herum auf ein Blatt Papier und vollständig, denn ich war Milenas einziger Spielkamerad. Mit mir teilte sie das Geheimnis ihrer Reihe, deren regelmäßigen Aufstieg von Zahl zu Zahl und dass es Primzahlen waren; voran an der Lok stand die böse 13, die Milenas Schicksal widerspiegeln sollte. Es folgten: 23; 43; 73; 113; 163; 223; 293; 373; 463; 563. Das Anwachsen der Zahlen von Waggon zu Waggon suggerierte ihr außerdem, ihr Zug würde beschleunigende Fahrt aufnehmen.

 

Auf ihrer Holzeisenbahn hatte sie die Ziffern Drei am jeweiligem Zahlenende weggelassen, so dass einige Primzahlen sich in gewöhnliche verwandelten. Weil die Zahlen auf dem Kopf standen, waren es die umgedrehten Dreien am Anfang, die fehlten. Milena hätte natürlich einfach vor dem Beschriften die Waggons um 180 Grad drehen und sie danach wieder zurückzusetzen brauchen. Aber das wäre für sie wie Mogeln gewesen. Nur auf der Lok hatte Milena die Eins richtigherum aufgemalt, also die heimliche 13.

 

Ich schlug vor, es den anderen Kindern zu erzählen, sie darüber aufzuklären, damit sie nicht über Milena spotteten. Sie lehnte es ab. Ich glaube, Milena genoss es sogar, ausgegrenzt zu werden. Sie hatte keine Chance, jemals von ihrer Lähmung geheilt zu werden, um mit den anderen gleichzuziehen. Sie blieb auch für mich etwas Besonderes, so wie das „antipodische Zahlenvermächtnis“ und die „Kopfstände“ in dem Silberlöffel ihrer Oma.

 

 

Katrin

 

Jens Wandlung begann an einem trüben Novembertag. Er öffnete ein Fenster seiner Anwaltskanzlei, schaute über den gepflasterten Platz, als auf einem der gegenüberliegenden Balkons des weißgetünchten Barockgebäudes diese junge Frau auftauchte. Sie war gerade erst dort eingezogen, zusammen mit ihrer älteren Schwester, wie er später erfuhr. Er hörte, wie die ältere Schwester ihren Namen rief. Katrin hieß sie.

 

Stundenlang saß sie manchmal da, der schmale Körper verschluckt von einem zu groß geratenen Mantel, aus dem dieses bleiche, zierliche Gesicht hervorlugte, die seidigen blonden Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Es unterschied sich ganz und gar von diesen eintönigen Visagen, die einen aus sämtlichen Illustrierten anlächelten, wo jede Falte, die das Leben geschrieben hatte, zugespachtelt war, und deren Kopien einem tagtäglich überall begegneten, die gleichermaßen von der Jetset-Gesellschaft wie von den einfachen Leuten getragen wurden. Auf jeder Cocktailparty hatte Jens in diese aufgemotzten Fassaden-Gesichter gesehen. Es erschien ihm alles selbstverständlich. Auch er hatte sich einen prachtvollen Kokon gesponnen, eine tolle Fassade geschaffen.

 

Am nächsten Morgen begegnete er Katrin in der nahegelegenen Bäckerei, stellte sich ebenfalls an den Stehtisch. Sie tranken Kaffee und blätterten in ihren Tageszeitungen, warfen sich zwischendurch ein paar verstohlene Blicke zu. Katrin erschien ihm als Wesen jenseits seiner Welt, mit all den aufgeputzten Gesichtern, die unbedingt gefallen wollten. In ihren aquamarinfarbenen Augen spiegelte sich ihm erstmals die Stille und die Schönheit eines selbstlosen Seins, der Zauber ungekannter Gefühle und Gedanken.

 

Jens las einen fernen Schmerz in ihren Gesichtszügen. Das milde, gütige Lächeln einer Madonna um ihren feinen Mund verlieh ihr eine seltsame Zufriedenheit, eine innere Harmonie des geschundenen Individuums mit seinem gnadenlosen Kosmos. Jens spürte, ihr gegenüber war er nur ein armer, nackter Spatz, der aus dem Nest gefallen war. Er hatte seine Identität verloren. Die Raupe, die den herrlichen Kokon produziert hatte, war selbst zum Kokon erstarrt. Neun Räume besaß er und konnte doch zur selben Zeit nur in einem sein. Sein ganzer Stolz lag im lächerlichen Bewusstsein, noch acht andere Räume zu besitzen.

 

Obwohl Katrin beim Laufen das rechte Bein etwas nachzog und sich zeitweise ein Mundwinkel vor Schmerz verzerrte, erweckte sie keinen gequälten, mitleiderregenden Eindruck. Bei ihr erschien alles in gelöster Übereinstimmung: das Leiden schien untrennbar mit ihrem Wesen verbunden, es gab ihr sogar eine besondere Form von Würde.

 

Durch den düsteren wolkenverhangenen Himmel drängten sich einige Sonnenstrahlen, beleuchteten wie Scheinwerfer punktuell Ausschnitte des gepflasterten Bodens und animierten Jens zur Konzentration. Den Farben des Herbstes haftete nicht die fröhliche Leichtigkeit der kunterbunten Blüten des Sommers an, diese Farben signalisierten Vergänglichkeit.

 

Eines Nachmittags ging Jens im Waldpark ein paar Schritte, setzte sich dort, wie jedes Mal, auf die einzige noch unzerstörte Bank. Nach einer Weile stakste eine schemenhafte Gestalt durch den dichten Nebel. Es war Katrin. Bei der Bank angekommen, fragte sie nur kurz, ob sie sich setzen dürfe. Er nickte. Schweigend saßen sie da. Ab und zu sahen sie einander an, mit etwas überraschten, andächtigen Mienen, wie sie frisch Verliebten zueigen sind. Sobald Katrin wieder geradeaus schaute, sah er aus dem Augenwinkel, dass sie lächelte.

 

Ohne Absprache trafen sie sich von da an jeden weiteren Tag auf der Sitzbank im Wald, saßen still da, horchten in sich hinein und in die schwerblütig anmutende Natur, sahen sich gelegentlich an und waren glücklich. Unschuldig wie Kinder saßen sie beieinander. Dann dachte er daran, sie zu umarmen und sie zu seiner Freundin zu machen. Ihre Seelen hatten sich ja längst umschlungen und er lud sie eines Tages zu sich nach Hause ein.

 

Als der Zeitpunkt ihres Besuches näher rückte, überkamen ihn unsägliche Zweifel, ob er Katrins Persönlichkeit nicht zu sehr idealisieren würde, und Angst machte sich in ihm breit. Jens war als Einzelkind aufgewachsen und, da seine Eltern ständig geschäftlich eingebunden waren, sich selbst überlassen gewesen. Er hatte gelernt, sich selbst zu genügen.

 

An dem Tag, als er Katrin begegnet war, fühlte er diesen Mangel aus seiner Vergangenheit, diese Vereinsamung, bedrohlich in ihm aufsteigen, und nun glaubte er, diese egoistische gefestigte Einheit sei zu keinem engen Bezug zu anderen mehr fähig. Nie hatte er es mehr gespürt, als im Umgang mit ihr; dabei konnte er sich keine idealere Frau für sich vorstellen. War er allein, malte er liebevoll ihr Portrait und seine Gedanken kreisten um sie.

 

Dann klingelte es. Er schrak auf, hatte verdrängt, dass sie ihn an diesem Nachmittag besuchen würde, schlich zur Tür und linste durch den Spion. Katrin hatte sich hübsch für ihn angezogen, in ihren Augen lag ein erwartungsvolles, liebliches Lächeln. Gleich würde er öffnen und sie ihm selig in die Arme fallen. Aber er öffnete nicht. Sein Auto stand vor dem Haus, er musste da sein. Sie schellte erneut. Und auf einmal wusste die junge Frau, die verschlossene Tür offenbarte sein verschlossenes Herz. Irgendwie geisterte es schon von Anfang an wie ein Phantom zwischen ihnen, nur hatte sie es sich nie eingestehen wollen, und sie ging verhaltenen Schrittes fort. Er wollte sie zu sich hereinholen, ihr sagen, dass er nicht mehr mit ihr zusammen sein wolle, dass er nicht anders könne. Aber sie würde es nicht begreifen, schoss es ihm durchs Hirn und er schaute ihr durchs Fenster nach, wie sie mit gesenktem Kopf langsam davonschritt; dann stockte sie, als wollte sie doch noch umkehren. Sie blickte sich noch einmal kurz nach seinem Haus um. Er trat einen Schritt von der Gardine zurück.

 

Die Bank im Waldpark war neben ihm leer geblieben. Katrin kam nicht mehr. Tagelang hatte er vergeblich nach ihr Ausschau gehalten. Dann hielt er es nicht mehr aus. Er suchte ihre Schwester auf. Die sagte, Katrin habe gewusst, dass er kommen würde, und er sollte die Sache mit dem Leiden erfahren. Ihre Schwester erzählte ihm, dass Katrin bei einem Auslandsaufenthalt von einem betrunkenen Autofahrer überfahren worden war und deswegen ihr Bein etwas nachzog. Sie habe viel Blut verloren, habe eine Bluttransfusion bekommen. Doch die Blutkonserven wären mit Hepatitis-Viren infiziert gewesen.

 

Ob Katrin noch lange zu leben haben würde, sei ungewiss. Sie hätte Jens bei ihrem Besuch über alles aufklären wollen. Um ihn nun leichter vergessen zu können, sei sie erstmal für vier Wochen zu ihrer Tante nach London gereist. Und sie habe ihre Schwester gebeten, ihm nicht die Telefonnummer zu geben. Sie habe befürchtet, für ihn wäre es auf Dauer zu belastend, mit einer gesundheitlich Angeschlagenen zusammen zu sein.

 

Jens verabschiedete sich schweigend von diesem Haus, die feuchte Luft legte sich schwer auf seine Brust, und er begab sich mit verhaltenen Schritten zu ihrer Parkbank, wie zu einer Beerdigung, setzte sich und starrte in den grauen Himmel.

 

Als in dem Gebüsch vor ihm eine Tannenmeise Station machte und keck in dem Geäst herumsprang, erinnerte er sich daran, wie Katrin und er ein Rotkehlchen betrachtet hatten, auf eine eigentümliche Art, die ihm nur mit ihr möglich war. Von anderen Frauen konnte er sich nur vorstellen, wie sie die Schönheit der Kreaturen preisen und sich an den Tierchen erfreuen würden. Aber mit Katrin war es mehr, ihre Einfühlung in die Natur schien die Dinge zu durchdringen. Eine Teilhabe daran verspürte er erst durch sie. Ihr Senkblei hatte sie ihm zugeworfen, seine Seele auszuloten. Und er vermisste sie mehr denn je. Die Tannenmeise war inzwischen davongeflogen.

 

„Von wegen, Jens“, fluchte er gegen sich selbst. „Du machst es dir zu einfach; behauptest, nicht fähig zu sein für eine Beziehung. Dabei ist dein Herz längst an Katrins gebunden. Ohne sie wärst du ein Blinder geblieben. Bisher hattest du nur die Oberfläche, die Maske der Welt wahrgenommen. Durch Katrin aber und mit ihr bist du tiefer blickend geworden.“

 

Eine Brise vertrieb den Nebel. An die Äste der Bäume klammerten sich noch krampfhaft einige Blätter, in den Wipfeln säuselte ein leichter Wind und für einen Moment war Jens, als hörte er Katrin flüsternd seinen Namen rufen.

Sie indessen hatte es nicht in London gehalten. Vorsichtig, wie es ihr mit dem versteiften Bein eben möglich war, schlich sie sich von hinten heran, schmiegte sich an ihn, auf der einzigen noch unzerstörten Bank, dort im Waldpark.

Gemeinsam lauschten sie in eine schwerblütig anmutende Natur. Schaute sie dann wieder geradeaus, sah er, dass sie lächelte.

 

 

Baltus

 

Irgendwann im Mai. Am Himmel Zirruswolken über dem Gebirgszug; Züge ohne erkennbares Ziel. An gleißenden Gleisen hatte sich der Schotter aufgeheizt, als Baltus in Zugzwang geraten war vor der heranschnaufenden Lok, welche den Zug zog, in dem seine Liebste, die Erika, den Lokführer Anton lockte. Der war Baltusʼ bester Freund, schaffte in einem Zug vier Schnäpse und drei Klimmzüge mit Zigarette, vernachlässigte seine Obacht und überlegte nicht, dass Baltus, selbst kein eisern Bahnender, mit ihm kollidieren oder gar entgleisen könnte.

 

Bitternis war im Verzug eingedrungen, nachdem Erika mit Anton fortgezogen war, an den Schnittstellen, wo Baltus Hörner aufgesetzt worden waren, die er trotzend zu Zwölfendern verwuchern ließ oder mehr. Mit der Zeit hatten sich diese von selbst amputiert, als das zulässige Gesamtgewicht überschritten wurde. Das majestätische Röhren verhallte im kastrierten Gemütsgewebe, während Baltus röchelnd in den Abgrund einer Schnabeltasse geblickt hatte.

 

Da sprang er ab von dieser zugigen Schiene und verschlief die lauen Nächte auf dem Seelendorfer Friedhof, direkt an der im Sommer aufgewärmten Innenmauer, auch wenn sich Katzen gelegentlich neben ihm in wildem Vollzug ihrer Liebesspiele verwickelten und entsetzlich kreischten.

 

Brombeergebläut erwuchs eines Tages die Stadt aus heiterem Himmel, wo eben die Finsternis den Friedhof asphaltierte. Morgenröte wie Blut aus pochender Narbe bahnte sich eine Strecke darüber, geheftet an den Kondensstreifen eines Fliegers.

Auf Baltusʼ Altar, einer zerbrochenen Marmorplatte, entbrannte ein Streit unter den drei alten Schachteln, als er nach der kontemplativen Betrachtung, wie gewöhnlich, ihre Reihenfolge Zug um Zug verändert hatte; die rote Schachtel gefüllt mit konserviertem Eigenblut wollte wieder nach vorn, die braune mit Heimaterde tat sich schwer, doch stationierte sich die hoffnungsgrüne vor den anderen – ganz vage, ohne Inhalt.

 

Am späten Morgen packte Baltus seinen Schlafsack und ein paar übrige Habseligkeiten, zog eine Urinspur hinter sich her und schlurfte gen Heiligenplatz auf zum ewigen Bodenkrieg mit den anderen Gebetsbrüdern. Gesehen habe ich aber immer nur ihn, zwischen den drei krüppeligen Eschen, Bahnhof machend, vor dem zertretenen Rasen – wie versteinert.

 

An diesem gewöhnlichen Montagnachmittag, Anfang September, von den Lebenden abgekoppelt, transportierte ihn ein Wagen ab ohne Leichenzug. Baltus’ Schlafsack und die übrigen Habseligkeiten raffte ein Penner zusammen. Die hoffnungsgrüne Schachtel blieb zurück. Ein Junge, der alles neugierig beobachtet hatte, überprüfte kurz ihren Inhalt, gab der Schachtel einen Fußtritt und trollte sich. Ich hob sie auf. Ein Zeitungsausschnitt mit einem Bild von Baltusʼ Erika war darin. Sie war tags zuvor gestorben, auf ungeklärte Weise unter einen Zug geraten.

 

 

Spucke der Verachtung

 

Olaf erschien als Letzter unserer Clique, den Kopf eingezogen gegen den einsetzenden Regen. Mit grimmigen Augen blickte er sich um. Eine Frau hautnah an seinen Fersen. Die smaragdgrünen Augen in ihrem Vamp-Gesicht in anklagendem Zorn. Über unserem Treffpunkt zog eine Gewitterfront auf, den Sommerwind auffrischend. Nach einem Monat hatten wir uns wieder versammelt. Maik, Enzo und Kalli tollten bereits johlend auf dem Rasen der Parkanlage herum. Dann einträchtig, mit roten Miniröcken gekleidet, unsere drei Girls im Gleichschritt, mitten durch die kleine Stadt, die Arme untergehakt.

 

Olaf strich sich mit einer fahrigen Handbewegung den strubbeligen Blondschopf zurecht, schmauchte hastig an seiner Zigarette. Seine entschlossene Verfolgerin, diese Steffi, war uns anderen unbekannt gewesen. „Bleib bei mir. Ich werde mich ändern. Bestimmt!“ Sie umarmte ihn. Er schubste sie von sich, eilte mit langen Schritten zu seinem VW-Bus; sie hetzte schluchzend hinterher, rutschte aus, stürzte zu Boden, erwischte noch sein linkes Bein, heftete sich mit beiden Armen daran, hartnäckig wie ein Tasmanischer Teufel. Nur mühsam konnte Olaf sie abschütteln, schleifte sie ein Stück mit, bevor sie sich resignierend aus der Anklammerung löste. Erschöpft glitt ihr Kopf in eine Wasserpfütze, ihre seidigen schwarzen Haare verwandelten sich in schmutzige Wollfäden.

 

Unsere Girls signalisierten entrüstet, dass ihnen diese Szene furchtbar peinlich war und wendeten sich ab. Maik meinte: „Man, ist die Tante ätzend.“ Enzo und Kalli spähten fragend zu Olaf hinüber, der inzwischen an sein Auto gelehnt mit trotziger Miene dastand. Olaf winkte stumm und beschwichtigend ab.

 

Erste Blitze zuckten, der Regen nun in Schnüren. Wir liefen geschwind zu Olafs Pkw, ohne diese junge Frau im zerschlissenen Bluejeans-Anzug noch eines Blickes zu würdigen. Hatte keiner Steffis Verzweiflung erkannt oder war sie nur hysterisch?

 

Tanja erwartete uns in ihrem Partykeller; beklemmendes Schweigen während der Fahrt dorthin. Höflich lächelnd begrüßte sie uns. Wie ein Laufsteg-Model sah sie aus, voller Erotik, mit kess wirkender blonder Kurzhaarfrisur, war elegant gekleidet.

 

Tanja und ich hatten uns auf Anhieb sympathisch gefunden. Man betrachtete uns als Paar. Wir hockten viel miteinander zusammen, betrieben gemeinsam die Hobbymalerei und küssten uns, an besonders glücklichen Tagen. Mit ihr hätte man ohne Schwierigkeiten eine Familie gründen können. Sie hatte keine Launen, ihre Fröhlichkeit jeden Morgen, wenn ich mit ihr aufwachen würde. Aber wie lange könnte ich so ein Eheleben ertragen? Damals war ich neunzehn und hatte Bedenken, vor Langeweile zu verstauben.

 

Im Partykeller erzählte Olaf uns dann endlich von seiner Verfolgerin im Park:

„Steffi heißt sie. Ich lernte sie im „Joy“ in Hannover kennen. Sie hatte gerade ihr Designstudium geschmissen und war ganz schön zugedröhnt gewesen. Ich ließ mich mit ihr ein. Kurz darauf merkte ich, dass sie Heroin nahm und sich prostituierte. Da war natürlich Trennung angesagt. Aber diese Klette will es nicht kapieren. Ich hätte ihr nicht von unserem Treffen berichten dürfen. Sie hatte schon versteckt auf mich gelauert; muss wohl hergetrampt sein.“

 

Und wieder tauchte vor mir das Bild dieser Steffi auf, trostlos ihr Gesichtsausdruck beim Abschied im Park, wie eine öde Polarlandschaft. Ich musste immerzu an sie denken. Das Unfassbare ihres Wesens fassbar machen, das war es an ihr, was reizte. An Tanja war alles glatt, im Voraus zu berechnen, denn sie folgte stur den gesellschaftlichen Regeln, mit unerschütterlicher Vernunft. Doch Steffi erschien wild und unberechenbar. Ich konnte sie nicht mehr aus meinem Kopf verbannen, zu neugierig war ich, sie kennen zu lernen. Alles an ihr stellte ich mir damals abenteuerlich, geheimnisvoll vor, wie das Erforschen eines unbekannten Dschungels.

 

 Ich sagte zu Tanja, ich hätte noch wichtige Arbeiten zu erledigen. Sie reagierte gekränkt. Sie hoffte immer noch, dass wir ein echtes Paar würden. Ich beeilte mich auf meinem Fußweg zur Parkanlage. Steffi kauerte in sich zusammengesunken auf einer Sitzbank, nahe der Pfütze. Ihr buntes ausgefallenes Hippie-Outfit klebte vor Nässe eng an ihrer gebräunten Haut, so dass ihre leichten weiblichen Rundungen unbeabsichtigt lockten. Die Haare schlingerten wie Wasserpflanzen vor ihrem Gesicht. Endlich ließ der Regen etwas nach. Ich tippte ihr auf die Schulter. Träge schaute sie auf. Ihre Augen starrten verstört an mir vorbei; der Blick schien sich in einer Welt voller Entsetzen zu verlieren. Ihr Schluchzen klang bitter, wie ein letztes Seufzen vorm Sterben, ein ohnmächtiges Sich-Ausliefern in einen Psychotod, ein Eingefrorensein der Lebensfunktionen, wie bei geschockten Kaninchen kurz vor dem vernichtenden Zugriff des Bussards.

 

Mit bebender Stimme sagte sie mir, dass sie zehn Kilometer entfernt wohne. In dem Zustand hätte sie sicherlich keiner mitgenommen und Busse fuhren an Wochenenden hier nicht. So holte ich mein Auto von zuhause, kramte eine Wolldecke daraus hervor und legte sie ihr um, schob meinen Arm behutsam unter Steffis und zog diesen feinen, störrischen Körper sanft zu meinem Wagen.

 

Stufe für Stufe schob ich sie die Treppe zu ihrer Dachgeschosswohnung hoch. Ich sah ihre Einstiche am Arm. Steffi saß leblos auf der Kante ihres breiten französischen Bettes. Plötzlich riss sie ihren Slip herunter, warf die Beine auseinander und ließ ihren Oberkörper schlapp ins Bett fallen. „Gib mir fünfzig Mark, und du kannst mit mir machen, was du willst!“ Wie konnte sie sich nur derart entwürdigen. Pausenlos redete ich auf sie ein, dass ich ihr einen Therapieplatz besorgen wolle und sonstige Dinge, denn die Sucht sei an allem schuld. Es perlte sinnlos ab von ihr. Sie flehte mich an, nur dieses einzige Mal Stoff für sie zu besorgen. Dann würde sie Ruhe finden und wir könnten ernsthaft über eine Therapie sprechen. Der Schmerz in ihren traurigen Augen, das Zittern und Zucken ihres zerbrechlichen Körpers, der Anblick grenzenlosen Leidens, erzwangen mein Mitleid. Sie litt an erbärmlichem Schüttelfrost, doch es war schwül und draußen blühten die Linden. Ich sagte schließlich, wir führen in die Stadt, und der willenlose Körper setzte sich auf einmal energisch in Bewegung, galoppierte die Treppe hinunter zu meinem Pkw, dass ich Mühe hatte, gleichauf zu folgen.

 

Die Lichter von Hannovers City rückten näher. Ich gab ihr 250 DM. In diesem Augenblick erschien sie mir ruhig; hätte ich ihn doch einfangen, stoppen können, die Buchenbäume hätten Äpfel getragen. Aber ich wartete im Auto, während sie ihr Suchtbedürfnis mit Heroin befriedigte. Nach einer halben Stunde kam Steffi wieder, eine beschwingte, adrette Frau mit etwas verträumten Augen; ohne Sorgen, hätte man meinen mögen.

 

Ich war erstaunt, über was man sich alles mit ihr unterhalten konnte, vom Zen- Buddhismus über dadaistische Malerei bis hin zum Humeʼschen Induktionsproblem. Amüsant fand ich auch ihren verrückten Versuch, mit Worten das Besondere des Lächelns der Mona Lisa darzustellen. Ein Gefühl stellte sich ein, dass ich mit ihr eins wäre, dass nur ein Herzschlag in uns erklänge; ein Bedürfnis, sich ihr völlig auszuliefern, völlig hinzugeben, jede Kluft des Anderssein, die uns einsam vor den Mitmenschen einschließt, zu ihr aufzulösen.

 

Am übernächsten Tag ging ihr der Stoff aus, ohne dass wir über eine Therapie geredet hatten. Nun wurde sie unausstehlich gereizt, schmiss eine Tasse durch den Raum. Ich konnte ihren stupiden, widerlichen Minotaurusblick nicht länger ertragen, flüchtete ins Bad, ließ Wasser in die Wanne ein.

 

Plötzlich stürmte sie das Badezimmer und überfiel mich in der Wanne, kratzte meinen Rücken blutig. Ihre Augäpfel wirkten steif und auch die Körperhaltung glich der einer Spastikerin, und abermals gebärdete sie sich wie eine Furie. Endlich erwischte ich sie, packte in ihre weichen Haare und zog sie in die Wanne, grub krampfhaft meine Fingernägel in ihren zarten Nacken und riss ihr ruckartig das Fleisch auf. Blutschwaden von ihr und mir zogen in der Wanne umher, ihr Blick war immer noch leer. Ihr Körper schien von ihr verlassen wie der einer Mumie, und mir wurde plötzlich beklemmend klar, wie einsam ich ohne sie sein würde. Ich ließ eiskaltes Wasser über ihr Haupt laufen und schlug ihr mit der flachen Hand hart ins Gesicht, um sie zurückzuholen.

 

Erstaunt gaffte sie mich an. Sie schaute auf das in der Wanne treibende Blut. Ich merkte schmerzhaft, wie das Schaumbad in meinen Wunden brannte. „Was hab ich getan? Was hab ich nur getan?“, stieß sie wimmernd heraus. Sie umarmte mich gierig. „Verzeih mir! Verzeih mir Liebling, bitte! Hilf mir! Ich brauche dich doch. Sei mir nicht böse!“ Ich zog sie ungestüm an mich. Wir liebten uns rasch mit voller Leidenschaft.

 

Wieder und wieder kaufte ich ihr Stoff. Nie mehr wollte ich sie in diesem Zustand sehen. So gingen einige Wochenenden mit ihr dahin. Dann hatte ich ausnahmsweise früher Feierabend, hörte sie und eine Männerstimme in ihrem Schlafzimmer stöhnen und schreien wie aus sexueller Lust. Leise schlich ich ins Wohnzimmer. Ein unbändiges Gefühl von Hass stieg bei jedem der lauten Liebesgeräusche in mir auf. Wutentbrannt griff ich zu einem Küchenmesser, trat mit einem gewaltigen Tritt die Schlafzimmertür ein, die mitten im Raum vor dem verdorbenen Bett landete. Sie hatte es mit einem hässlichen alten Herrn getrieben. Der Kerl sauste sofort zu dem Stuhl, auf den er sorgfältig seine Sachen gelegt hatte, ergriff seine Schuhe und verschwand mit angsterfülltem Blick im Treppenhaus.

 

 Da stand ich nun vor ihrem Bett, drückte den Messergriff so fest, als wollte ich Saft aus ihm herausquetschen. „Hast du es dir wenigstens gut bezahlen lassen?“

„Ja“, heulte sie. „Ich wollte nicht nur dein Geld.“

„Und deine Lustschreie, hat er dafür extra gezahlt?“ Sie glotzte mich verständnislos an, ließ sich vor mir auf den Boden gleiten, umfasste meine Fersen und winselte um Vergebung. Hätte sie doch gesagt, sie habe kein Empfinden bei dem anderen gehabt, sie hätte etwa den Preis damit hochtreiben wollen. Ich schreckte vor meinem sich steigernden Hass zurück und mir wurde klar, dass ich sie mehr liebte, als ich mir eingestehen wollte und unfähig war, es einfach abzustellen. Die Nacht verbrachte ich unruhig hin und her wälzend auf dem Sofa.

 

Köstlicher Kaffeeduft und ein zarter Kuss von Steffi weckten mich am nächsten Morgen. Sonst hatte immer ich das Frühstück bereitet und Steffi nur mühsam aus den Federn bewegen können. Und jetzt stand auf einmal das tollste Hippiemädchen der Welt vor mir, mit Flower-Mini, schwarzen Netzstrümpfen, Margeriten im Haar und einem faszinierenden Lächeln um ihren sinnlichen Mund. Meine Eifersuchts- und Ekelgefühle vom Vorabend waren abgeflaut. Ohne Worte schlürften wir besinnlich unseren Kaffee aus. Sie sagte: „Das von gestern tut mir leid. Aber es gibt so einiges in mir, was ich selbst nicht verstehe. Ich hoffe, du erkennst, warum ich nur mit dir zusammenleben will und niemals etwa mit diesem Mann von gestern.“

 

Sie ging hinaus, während ich konzentriert über uns nachdachte. Ja, warum mochte sie mich eigentlich? Es mochten meine Zärtlichkeit, mein Verständnis und die unermüdliche Gemütswärme sein, die mich für sie attraktiv machten. Ich begriff plötzlich, wie Eifersucht all dieses verstümmeln würde. Es müsste unerträglich für sie sein, wenn ich als Gehörnter auftreten, nörgelnd einen Wall um sie mauern, nach Moral und Sitte schreien und mich in Selbstbeweihräucherung und Selbstgefälligkeit brüsten würde. Vieles würde ich verlieren, was sie an mir geliebt hatte. Ich hatte keine Berechtigung, Rechenschaft von ihr zu verlangen für ihre Taten; und betrogene Männer, die Gefängnisse um ihre Frauen errichten, werden zu deren meistverachteten Gefängniswärtern, und alle Gefühle erlöschen.

 

 Hatte mich die Kontemplation wirklich zu einer schlüssigen Einsicht geführt, oder war es nur eine Art Schutzlösung, um die peinigende Eifersucht in mir zu neutralisieren? Ich war mir sicher, zweifelsfrei war ich auf eine Lebensweisheit gestoßen, atmete erleichtert auf, rannte zu Steffi und nahm sie herzlich in die Arme. Was würde ich denn tun, wenn sie mich nur noch passiv eifersüchtig bewachen, ihren Charme, ihre Fröhlichkeit, ihre frivole Natürlichkeit, ja selbst ihren Wahn dagegen eintauschen würde? Ich würde sie natürlich verlassen. So blieb mir nichts übrig, als diese Eifersucht in mir zu besiegen, nur so hoffte ich, Steffi für ewig zu gewinnen, und begriff, wie sehr ich sie liebte.

 

Hinausschreien wollte ich mein Glück. Alle sollten es wissen. Abends lud ich sie in die hiesige Disko ein, betrachtete sie, wie sie sich am Spiegeltisch zurecht machte. Hatte ich nicht ein Supermädchen, mit der ich jeden Tag genießen sollte, an dem sie mich noch begehrte? Ich rauchte eine Pfeife voll „grass“ und konnte den Blick nicht von Steffi lassen. Wie sehr war ich ihr doch schon verfallen?!

 

Etwas angetörnt stürmten wir die Diskothek. Tanja verließ entrüstet, mit vor Zorn sprühenden Augen, die Räumlichkeiten, die anderen aus der Clique ebenfalls. Olaf sagte mir, dass ich ihm leid täte. Aber es werde der Tag kommen, wo ich es einsehen würde. Doch ich konnte Steffi nicht mehr loslassen. Und Tanja hätte den Schmutz einer Hure nicht ertragen können, der an mir unwiderruflich wie eine Tätowierung eingeätzt war. Steffi und ich tanzten ekstatisch bis zur Seligkeit. Völlig berauscht und erschöpft fielen wir gegen Morgen in ihr Bett.

 

Die nächsten Wochen war sie erneut überflutet von Unruhe und Zerfahrenheit. Ihr Verhalten wurde unerträglich. Die Liebe zu Steffi forderte aufs Neue von mir Versuche, sie vom lebensbedrohlichen Heroin abzubringen. Die Folge meiner Bedrängnisse war, dass sie sich gänzlich von mir abwendete, und einen „Freund“ aus der Drogenszene kennen lernte. Ich erahnte ihren Untergang. Dann begegnete ich ihm mit Superschlitten, typischer Zuhältertyp, groß, schlank, harte Gesichtszüge, schwarze Lederklamotten. Zwei etwas kleinere Herren in Maßanzügen begleiteten ihn, offenbar seine Gorillas.

 

Steffi wollte gerade zu ihnen in den Cadillac steigen, da ergriff ich sie am Arm, hielt sie zurück und redete beschwichtigend auf sie ein. Sie riss sich von mir los, die drei stiegen aus, schimpften mich einen Sozialprediger, der sich um seine Angelegenheiten kümmern solle. Krampfhaft umklammerte ich Steffi und flehte sie an zu bleiben. Nun ergriffen mich die drei, zerrten mich auf den breiten Grünstreifen am Straßenrand. Ich spürte ihre harten Schuhabsätze in meinem Gesicht, wieder und wieder immer härter werdend. Regungslos blieb ich auf dem Bauch liegen. Endlich ließen sie von mir ab. Ich hörte wie sich ihre Schritte entfernten, dann das Schlagen der Autotüren, hob vorsichtig meinen Kopf.

 

Warm rann mir das Blut aus einer Stirnwunde an der Nase vorbei, ich schmeckte es, dann tropfte es zwischen meine gespreizten Finger. Ich empfand keinerlei Schmerzen, registrierte das Geschehen kalt wie ein Roboter, blickte zwischen ein paar längeren Grashalmen hindurch gegen die untergehende Abendsonne auf die vier Meter vor mir entfernte Silhouette von Steffis Körper. Breitbeinig fordernd stand sie da, beschimpfte mich: „Du denkst wohl, du bist was Besseres. Ich habe die Schnauze voll, nach deiner Pfeife zu tanzen. Geh doch zu deiner Tanja, du Mistkerl!“ Und in ihren Augen war für Sekunden wieder jene traurige Verzweiflung, wie damals, als sie in der Pfütze zurückblieb, nur jetzt lag ich da unten am Boden. Ihr Gesicht verzog sich kurz zu einer Fratze, sie spuckte nach mir aus, dann hastete sie schluchzend weg, verschwand im Inneren des Cadillacs, der darauf davonbrauste.

 

Der Blutstrom aus meiner Wunde floss schon sachter, war aber immer noch warm und beruhigend. Steffis Spucke hatte sich nicht weit von mir an zwei schwächlichen Grashalmen verfangen, die sich unter der Last durchbogen. Ich beobachtete gebannt, wie die einzelnen Bläschen, schillernde Facetten, eine nach der anderen zerplatzten. Das Letzte, was mir von Steffi geblieben war – die Spucke ihrer Verachtung. Nein, ich wusste, sie liebte mich. Die Spucke galt ihr selbst.

 

Etwas Luftbewegung kam auf. Ein kleiner Teil der Spucke wurde hinweggerissen, ein winziges Stück Gestalt gewordener Selbstverachtung, ertrinkend in einem gigantischen Kosmos.

 

Steffi habe ich nicht wiedergesehen. Ich hörte bald, sie sei an einer Überdosis Heroin auf einer schmutzigen, zugig-kalten Bahnhofstoilette elendig verreckt. Und alle Geborgenheit, die ich ihr geben wollte, alles Liebe, was ich ihr hätte noch sagen wollen, es bohrt unerfüllt, wühlt und gärt rastlos in meinen Eingeweiden. Aber wenn mir jetzt mal eine Dame Verachtung entgegenbringt, dann überwinde ich es mit Gelassenheit, weiß ich doch von der Bedeutung der Spucke meines Mädchens, meines Hippiemädchens, der Einzigen, die ich wirklich geliebt habe.