Prosa-Essay (Monolog)

Untergrabene Gänge von Gedanken

und Gedankengängen

Exkursion durch ein Leben an markanten Stellen

 

Käseschmierig von Geburt,

aus düsterer Höhle, zeigt’ ich der Welt den Steiß.

Sie streckte mir den ihren hin, ein wahres Arschgesicht.

Hatte mich daran verschluckt, verharrte in eigener Dunkelheit.

Ein Maulwurfsdasein. Meine Rache war jedoch süß.

Kandisberge versetzte ich, gehörige Brocken ins Licht

zwischen die Leute geworfen. Sie schmolzen dahin,

ärgerten sich grau an meinem Scheinhaufen.

Kein Maulwurf weiß es – aber ich immer noch füttere

die Hoffnung, den Nacktmull um mich; nur wächst ihm kein Fell.

Zuhause habe ich meine Fenster mit Blumen verstellt,

in den langen Diskonächten den Geist mit Drogen.

Meine derzeitigen Vergnügungen entarten zunehmend

in einen Umkehrprozess zur Lebensfreude, bedeuten

Spießrutenlaufen vorbei am schmerzhaften Bewusstwerden

grau erlebter Alltagsrealität, sind Rettungsversuche

auf scheinbare Glücksinseln.

 

Offenbar hat sich der Blick, die Gewohnheit,

mit der ich alles automatisch erledigte, verändert.

Nur das Bewusstsein hat es noch nicht angepasst,

wird untergraben von Unzufriedenheit;

das Wissen um sie tritt zunächst vage auf

im verborgenem Spiel geistiger Hemisphären.

Die Magenader singt gegen Angst

domauf vom Puls vergangener Zeit.

Auf seichtem Seelengrund die Badener Spätlese

spült Trübsinn aus der Wohlstandswampe, inkarnierter Humor,

dem Fugentod entwichen, fängt zu stinken an,

ein bleierner Rettungsring sucht Auftrieb – vor

den Spätmeldungen der letzte Furz.

Ohne Würde ist der Mensch wie ein Akku ohne Spannung.

 

Ich krame in den cerebralen Schließfächern,

stöbere unkoordiniert herum in jenem hermetisch zur

Außenwelt abgeschotteten Gezeitenraum, fern der Raumzeiten.

Wenn ich nicht gerade Kandisberge versetze,

bewege ich mich im Kreis auf meinem Gedankenstrahl.

Circulus vitiosus – alles andere wäre vermessen.

Ich hatte zu viele große Denker erlebt, mit kleinen Brettern

vor den Köpfen, womit sie sich zierten.

Man riss sie ihnen herunter, zimmerte sich

komplette Hütten draus. Columbus wusste, die Erde ist

rund und man kommt so an seinen Aufbruchspunkt zurück.

Ich laufe ebenso herum, denn wer sich nicht fortbewegt,

würde Amerika nicht entdecken, weder aufs verschollene

Bernsteinzimmer treffen noch zu sich selber finden.

 

Den muffigen Schleier über den Erinnerungen werde ich

außerdem wieder einmal lüften müssen wie die Matratze im Frühling.

Erlebnisse einer kalibrierten Vergangenheit öffnen sich

 

in die Gegenwart, doch sie sind nicht in der Lage

ihren innewohnenden Glücks- oder Unzufriedenheitszustand

freizusetzen für mich im Jetzt. Ich denke an meine

Exgeliebte Nadine – trockene Bilanzen, Historie,

mit der man zufrieden sein kann, die aber nicht

wiederverwendbar ist, um einen in der Gegenwart

zu befriedigen oder exzessiv zu enttäuschen.

Nadine versuchte stets ihre Ehre, gerade wenn diese

besudelt war und das Gewissen sie drückte, demonstrativ

wie ein weißes Friedenstuch herauszuhängen, beschwörend kundzutun,

aber gleichzeitig behielt sie den Finger am Abzug des Gewehres und

irgendwann ging es in immer die gleiche Richtung los.

Unsere Freundschaft war nicht mehr wert als eine Verbindung,

die scheinbar entsteht, wenn man Wasser mit Sand in einem Glas verquirlt.

 

Wunderschönes Eisblumengespray haftete an den Butzenscheiben, als

ich Nadine aus den Augen verlor und sie sich wieder einmal

bereitwillig von Franz Lüdeking, meinem ungeliebten Nachbarn, ficken ließ.

Ich hätte gern weggesehen, aber der Blick hinaus war vereist.

Jahre zuvor hatte ich noch versucht, Franz aufzuklären, hatte

ihm an einem Beispiel klar gemacht, was „paradox“ bedeutet:

„Franz“, sagte ich, „wenn man dieses Teil nach dem Bad trocken rubbelt, umso

nasser wird es.“ Fragte Franz: „Was für ein Teil soll denn das sein?“

Ich darauf: „Die Möse einer Frau.“

„Kann nicht sein“, widersprach der ständig

besserwisserische Franz, „habe ich schon längst bei der scharfen

Liesbeth von nebenan ausprobiert.“

„Siehste Franz“, entgegnete ich, „das ist ja das Paradoxe – ich auch.“

 

Nun versiegele ich geschwind dies Erinnerungsfach

als Mahnmal für die Ewigkeit, öffne weiter entfernt ein Fenster.

Auch hier streicht mir der störrische Blick hinter

die unpassierbare Krümmung die Geige nicht, obwohl

ich frühlingstrunken suche sie zu entblättern,

meine geflutete Leidenschaft zum Entlauben.

Im Freien Fall befinde ich mich längst, schwerelos im All, über den

kindlichen Horizont von der rasanten Erde gestolpert in die Flugangst.

 

Es zeigt sich eine von Rost angefressene Landmine auf der Lauer.

Eine Schnecke kommt des Weges, will gerade vorbeiziehen, als

die Landmine sie aufhält: „Wohin des Weges, meine Beste?“

Das Weichtier erschrickt: „Ich will über diesen Berg hier.“

Die Landmine erwidert: „Liebe Schnecke, was willst du einen so

beschwerlichen Aufstieg machen. Du brauchst nur durch

mein Rostloch zu kriechen, den Zünder auslösen, und ich

werde dich sogleich über den Hügel heben.“ Und so erfüllte

sich für die Landmine ein blitzartiges, aber herrlich hochexplosives Leben.

Ja, das Glück gebührt den Gewitzten. Die Schnecke war ich. Auch dieses

Türchen schließe ich ohne Erregung.

 

Im vorletzten Fach meines kreisrunden Gedankenganges

sehe ich meine Frau Ellen auferstehen und wie wir dasitzen

auf einer Parkbank in unserem letzten gemeinsamen Urlaub auf Teneriffa.

Zuweilen war mir diese eheliche Geborgenheit wie Käseglocken über

brennenden Kerzen. Und Ellen konnte so tröstlich sein … Ich höre uns noch

sprechen: „Wie die Zeit vergeht.“ Sie darauf: „Ja, schau meine grauen Strähnen.“

Ich: „Ach, was soll ich erst sagen, drei Haare sind mir geblieben.“

Sie: „Aber sie haben immer noch diesen wundervollen Schimmer.“

Mein damaliger Chef Jonny Rothschild hatte aber einen weitaus schillernderen

Mercedes 600. In diesem brannte sie konsequenterweise mit Jonny durch.

Voll in die Scheiße …? Eine sichere Form von Glück wäre, wenn man mitten

in der Großstadt mittig in einen Kuhpabs träte, wo mittendrin sich ein

unverdautes mittelmäßiges vierblättriges Kleeblatt befände und mitten

drauf ein Marienkäfer säße, der dann noch das Glück hätte, unversehrt aus

der Nummer zu entfleuchen mitten in der Nacht.

 

Klappe zu und zum letzten, wichtigsten und alles in Frage stellenden

Bereich, dem Lebenssinn an sich – gibt’s den?, – wage ich einen Einblick.

Aber leider, in Gesichtsfalten und Gehirnfalten

habe ich keine Erkenntnis zu verbuchen gehabt – elende Leere.

Unsere Ideale sind wie Rockzipfel, die uns voraus eilen.

Die Wahrheit über unsere Welt war mir nicht mit Vernunft

zu ergründen, so probiere ich es zukünftig mit Nonsens.

Früher ging ich immer in die Natur, um Trost zu finden,

denn ihr Busen ist am größten, oder ich legte mich in einen Sarg

zur Probe, seit die Glühwürmchen verglimmt schienen, und

nachdem meine letzte Liebschaft mich hier hocken ließ in

sinnlos gewordenem Möbelplüsch, während meine Blicke

beim Abschied sich an sie klammerten wie rammelgeile Kaninchen und

es mir vorkam, als hallten ihre Highheels nach mir trotzend auf dem

Asphalt vor dem Wohnblock zwischen dem Spalier von rosarotem Rugosa.

 

Wollte mich in jener lauschigen Nacht stürzen im Kick

mit dem Strick um den Hals am Brückengeländer gezurrt, oh

Heureka – in unbekannte Tiefen. Dann bremste mich dieser Widerhall,

im Gehör das Mahnen ihrer Highheels auf dem Asphalt, und

ich rannte zurück durch’s Spalier von rosarotem Rugosa.

Leider hatte ich die Botschaft der Highheels gründlich

missverstanden und musste mich in die unfreiwillige Einsiedelei ergeben.

Und nun ist das Erste, was ich machen werde, ich

begrüße den nächsten Mitmenschen um mich, Dimitrippi, einen

User im Internet, und interessiere mich, wie es ihm so ergeht

in seiner Vorstellung von Wahrheit und empiristischem Wahn, als

wenn ich mich daran erwärmen könnte.